Manuelle Objektive – Guide – Tipps zur Fokussierung, Vor- und Nachteile

manuelle objektive - tipps und tricks zur fokussierung

Im heutigen Tutorial geht es um eine Welt der Fotografie, die viele Fotoeinsteiger fürchten: Das Fotografieren mit manuellen Objektiven.


Fragt man Neueinsteiger ob sie schon mal mit einem manuellen Objektiv fotografiert haben, wird in den meisten fällen ein dickes “Nein” über die Lippen kommen.

Schade eigentlich – den seltsamerweise halten viele Fotografen großen Abstand von manuellen Objektiven und geben dabei oft fadenscheinige Gründe an. Es scheint fast so, als würde die Fotografie heutzutage nur noch mit Autofokus funktionieren.

Zeit das zu ändern! Denn übt man das manuelle Fokussieren eine Weile, wird man gefallen daran finden. Ich möchte in meinem Beitrag zeigen, dass es gar nicht so schwer ist, mit einem Objektiv mit manuellem Fokus exzellente Fotos zu machen. Aber vorerst möchte ich kurz die Vorteile eines manuellen Objektivs näher bringen.

Die Vorteile eines manuellen Objektivs

Niedriger Anschaffungspreis

Betrachten wir den wohl eindeutigsten Vorteil, den ein manuelles Objektiv mitbringt: Die niedrigen Anschaffungskosten. Objektive ohne Autofokus kosten meist nur halb so viel – oder gar noch weniger – als ein Objektiv mit Autofokus. Gerade für Fotografie-Einstieger ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Manuelle Objektive sind Lichtriesen

Manuelle Objektive haben oft eine große Anfangsblende
Manuelle Objektive haben oft eine große Anfangsblende. Hier: 85mm mit f/1.2

Manuelle Objektive haben in der Regel eine größere Offenblende als Objektive mit Autofokus, da kein AF-Motor im Objektivtubus verbaut werden muss. So erhält man schon relativ günstig Objektive mit einer Offenblende von f/1.4 – oder gar f/1.2 und kann dadurch Looks mit seinen Bildern erzeugen, die ansonsten in der Art nicht möglich wären!

Präzisere Fokussiermöglichkeiten – Ideal für die Videografie

Manuelle Objektive sind in der Regel mit einem weitaus präziserem Fokusring ausgestattet, der feineres Fokussieren durch einen längeren Fokusweg ermöglicht. Besonders für Videografen ist das von Vorteil, da der Fokus extrem weich nachgezogen werden kann.

Bessere Möglichkeiten für die Bildkomposition

Bokeh Samyang XP 50mm 1.2
Manuell fokussiert – losgebunden von AF-Punkten

Eine der größten Vorteile ist, dass man Bildkompositionen unabhängig von der Lage der Autofokus-Punkte der Kamera setzen kann. Durch den manuellen Fokus kann man sein Bildobjekt beliebig positionieren, es präzise scharfstellen und kann somit Fotos machen, die sonst mit einer DSLR nicht ohne die Nutzung des LiveView möglich wären – Das trifft insbesondere bei ältern Kameramodellen zu, die nur einen kleinen Bereich mit Autofokus-Punkten abdecken.

Manuelles Fokussieren entschleunigt deine Fotografie

Dadurch, dass man etwas Zeit zum Fokussieren benötigt, ist ein manuelles Objektiv ideal um sein fotografisches Können zu schulen. Durch den entschleunigten Fotoprozess fotografiert man deutlich weniger und man denkt mehr über die Komposition und das finale Foto nach, bevor man auf den Auslöser drückt.

Bei Portraits redet man in der Regel zudem mehr mit dem Model, wenn man ein manuelles Objektiv nutzt.

Hochwertige Optiken

Manuelles Objektiv, schnell fokussiert. Blende 1.2 bei 85mm
Manuelles Objektiv , dass ich mit Blende 1.2 bei 85mm benutzt habe- trotzdem exzellente Schärfe, dank hochwertiger Optiken

Die meisten manuellen Objektive haben eine überragende Abbildungsleistung und sind bereits bei Offenblende extrem scharf und korrigieren Bildfehler besser als Modelle mit Autofokus.

Das gilt oft auch für ältere Objektive, die im Netz oft als “Altglas” bezeichnet werden. Mein Biometar 80mm 2.8 Zeiss, dass für die Pentacon Six Mittelformatkamera gebaut wurde, liefert gestochen scharfe Bilder. Und das, obwohl das Objektiv ab 1970 produziert wurde!

Zahlreiche Adaptierungsmöglichkeiten

Alten, manuellen Objektiven kann man auf fast jedem System neues Leben einhauchen! Denn mit dem passenden Adapter lässt sich fast jedes Objektiv an eine moderne Kamera bringen. Da die manuellen Objektive nicht mit der Kamera kommunzieren müssen, sind die Adapter recht günstig erhältlich.

Nutzt man manuelle Mittelformatobjektive an einer Vollformatkamera, kann man sogar einen Tilt-Shift-Adapter nutzen und das Objektiv in ein Tilt-Shift-Objektiv verwandeln. Diese Adapter kosten jedoch deutlich mehr! Man hat dennoch wesentlich weniger Kosten, als wenn man sich ein “normales” Tilt-Shift-Objektiv kaufen würde.

An Canon-Kameras kann man wirklich so ziemlich alles an alten Objektiven adaptieren. Genauso bei Sony.

Die Nachteile eines manuellen Objektivs

Logisch – kein Autofokus

Das fehlen des Autofokus bringt natürlich Nachteile mit. Insbesondere wenn man viel Sport fotografiert oder in der Reportagefotografie unterwegs ist, da es wirklich extrem schwer ist, schnell bewegende Objekte korrekt zu fokussieren. Zumindest wenn man sehr offenblendig fotografiert.

Ich empfehle daher in diesen beiden fotografischen Feldern auf ein Objektiv mit manuellem Fokus eher zu verzichten, da die Ausbeute an guten, korrekt fokussierten Fotos eher gering sein wird.

Natürlich kann man auch abblenden, doch wer hat schon genug Licht und Lust ständig mit Blende f/11 zu fotografieren?

Übrigens nutze ich auch auf Hochzeiten gelegentlich Objektive mit manuellem Fokus. Jedoch wirklich nur in Momenten, in denen ich genau weiß, dass ich Zeit habe und keinen wichtigen Moment verpasse.

Man braucht gute Augen

Nutzt man ein Objektiv mit manuellem Fokus, braucht man gerade bei einer Spiegelreflex-Kamera wirklich gute Augen um korrekt zu fokussieren, insbesondere bei Offenblende.

So fokussiert man manuelle Objektive

Manuelles Fokussieren an einer Spiegelreflexkamera

Manuelles Objektiv für Portrait und Paarshooting genutzt
Hier habe ich ein manuelles Objektiv im Paarshooting genutzt. Fokussiert wurde mittels LiveView an einer 5D Mark IV

Manuelles Scharfstellen in Kombination mit offenblendigen Fotografieren scheint anfangs an einer (Canon-) DSLR extrem kompliziert zu sein. Besonders dann, wenn man über den Sucher fotografiert. Seltsamerweise hat man nämlich sehr viele fehlfokussierte Fotos, obwohl im Sucher alles Scharf aussah.

Erstens liegt das daran, dass der Sucher die Augen belügt! Denn der Sucher zeigt in Kombination mit der standardmäßigen, verbauten Mattscheibe nicht die tatsächliche Schärfentiefe, die das Foto haben wird, sondern zeigt eine Schärfentiefe die etwas f/2.8 entspricht.

Zweitens führt uns das Gehirn bei langen Fokussierversuchen in die Irre. Kleinere Fokusänderungen scheinen nichts mehr zu bewirken und die Schärfeebene ändert sich nicht, je länger man versucht auf den Millimeter genau scharfzustellen. Hier empfehle ich den Fokusring großzügiger zu bewegen um diesen Effekt zu vermeiden. In der Regel fokusiert man dadurch deutlich schneller!

Die richtige Mattscheibe nutzen

Fotografie Homestory Paar Dresden
Wie bereits weiter oben erwähnt, ist die standardmäßig verbaute Mattscheibe keine große Hilfe um korrekt und präzise manuell zu fokussieren.

Für die Nutzung von manuellen Objektiven wurden daher spezielle Mattscheiben entwickelt, die das manuelle fokussieren deutlich erleichtern!

Canon bietet beispielsweise eine Hochpräzisionsmattscheibe ( Canon Mattscheibe EG-S ) an, die man unkompliziert in eine Canon 6D oder Canon 5D Mark II einbauen kann. Diese Mattscheibe hilft dabei die Lage der Schärfeebene korrekt zu beurteilen. Dinge, die nicht fokussiert sind, werden durch diese Mattscheibe deutlich unschärfer dargestellt und erleichtert das manuelle Fokussieren dadurch ungemein!

Aber Achtung – die Mattscheibe sorgt dafür, dass der Sucher etwas dunkler wird als gewohnt. Wer viel mit lichtstarken Objektiven arbeitet, wird sich daran nicht stören. Jedoch kann es bei Zoomobjektiven mit einer Anfangsblende von f/5.6 schon ordentlich dunkel werden im Sucher.

Übrigens: Die Mattscheibe lässt sich an den oben genannten Modellen innerhalb weniger Sekunden wechseln und ist wirklich unkompliziert.

Leider hat sich Canon dafür entschieden, in der 5D Mark III oder der Mark IV die Mattscheibe “fast” fest zu verbauen und einen Wechsel deutlich komplizierter zu gestalten. Zudem werden keine Mattscheiben für diese Kameras hergestellt, so dass man auf einen Drittanbieter zurückgreifen muss.

Ein Schritt, den ich absolut nicht nachvollziehen kann. (So wie viele andere Dinge die man als Canon-Nutzer aber irgendwie gewohnt ist…)

Kommt es trotz verbauter Hochpräzisions-Mattscheibe immer noch zu fehlfokussieren Fotos, sollte man als allererstes die Dioptrien-Korrektur an der Kamera korrekt einstellen, damit der Sucher ein korrektes Bild zeigt!

Brillenträger sollten bei einer korrekt auf die Augen eingestellten Brille die Korrektur auf 0 gestellt haben!

Mit der Fokus-Bestätigung arbeiten

Cremiges Bokeh bei Blende 1.2
Blende 1.2 – Manuell fokussiert

Einige MF-Objektive haben einen AF-Bestätigungschip verbaut, der ein Autofokusfeld immer dann leuchten lässt, wenn etwas scharfgestellt wurde. Diese Methode kann man nutzen, wenn es etwas schneller gehen soll. Allerdings ist man dadurch in der Komposition wieder an die AF-Punkte gebunden.

Arbeiten mit dem LiveView

Über den LiveView zu fotografieren ist eine nützliche Möglichkeit um mit manuellen Objektiven korrekt zu fokussieren, da das tatsächliche Foto vorab sichtbar ist, dass durch drücken des Auslösers entstehen wird. Dadurch lässt sich die Schärfe im Bild sehr präzise beurteilen. Für die Astro- und Landschaftsfotografie empfehle ich prinzipiell die Nutzung des LiveView, um wirklich auf den Punkt scharfzustellen.

Dabei hilf auch die Funktion, den LiveView um den Faktor 10 zu vergrößern und somit noch präziser zu fokussieren. Das ist besonders bei Ultraweitwinkelobjektiven sehr nützlich.

Fokussieren an einer spiegellosen Kamera

Willkommen in einer neue Ära der Fotografie. Die spiegellosen Kameras machen so einiges einfacher, als an einer DSLR. Dazu gehört auch das manuelle fokussieren, da der elektronische Sucher euch immer genau beurteilen lässt wo genau die Schärfe im Bild liegt. Einfacher geht es kaum. Einige Modelle zoomen sogar automatisch ins Bild, sobald man den Fokusring dreht um direkt präzise zu fokussieren.

Zusätzlich verfügt fast jede spiegellose Kamera über Fokus-Peaking. Dadurch werden farbige Kanten über die Stellen im Foto gelegt, die scharfgestellt sind. Man sieht somit direkt, wo die Schärfeebene verläuft und stellt innerhalb weniger Sekunden korrekt scharf. Ob Sony, Fuji, Olympus, Panasonic, Nikon oder Canon – Den spiegellosen Kameras dieser Marken gehört auch dank dieser Features definitv die Zukunft.

Objektivempfehlungen

Gerne möchte ich hier ein paar gute, manuelle Objektive empfehlen, die richtig Spaß machen. Alle Objektive in der Liste sind für Canon-EF, aber auch für andere Systeme verfügbar:

Fazit: Manuelle Objektive

Manuell zu fokussieren macht Spaß und ist wirklich nicht schwer, wenn man etwas Übung hat. Mit einer spiegellosen Kamera wird es erst recht zu Kinderspiel. Probiere doch mal ein manuelles Objektiv aus und fotografiere damit in verschiedenen Situationen.

Ich wünsche viel Spaß dabei!

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